Alexandra Krings (Kontrabass)

Kein Jazzstudiengang mehr in Stuttgart? Nicht mit uns.

Musikhochschule Stuttgart. Hier kommen die Individualisten und Jazzpreisträger her.

Auch 1996, als ich angefangen habe dort zu studieren, war der Jazzstudiengang schon von der Abschaffung betroffen. Das hat nicht geklappt. Mein Examen war 2003 – Diplom Jazz- und Pop-Musiklehrer und künstlerischer Abschluss.

Jetzt ist es wieder soweit: Jazz soll es nur noch in Mannheim geben.
Keine gute Idee!

Meiner Meinung nach ist die MH Stuttgart die einzige Hochschule, die mit künstlerischem Weitblick unterrichtet, und nirgendwo sonst wird Individualität und musikalische Eigenständigkeit so gefördert wie in Stuttgart.

Stuttgart hat einen überduchschnittlichen „Output“ an Individualisten (im Bereich Bass möchte ich z.B. Henrik Mumm und Patrick Müller nennen), die eben nicht „nur“ Bassist in einer beliebigen Band sind, sondern deren aussergewöhnliches musikalisches Verständnis den Charakter der Band deutlich prägt. Da zähle ich mich auch mal zu.

Deshalb ist es wichtig, dass der Jazzstudiengang in Stuttgart bleibt: nur dort wird dieser kreative Umgang mit Musik unterrichtet. Nicht umsonst haben weit mehr als die Hälfte der bisherigen Preisträger des Jazzpreises Baden – Württemberg in Stuttgart studiert!

Eben diese Individualisten passen nicht unbedingt an eine andere Hochschule. Ich bin froh, dass ich in Stuttgart studiert habe. Ohne die Ausbildung dort wäre ich heute nicht der Musiker, der ich heute bin. Und das hätte ich nirgendwo anders werden können.

Und was ist mit dem schönen Begriff „interdisziplinär“ ?
Ja, die Leute die in Stuttgart studiert haben können Jazz UND Klassik!
Was in anderen Bereichen wie Sport schon längst üblich ist, wurde auch in Stuttgart praktiziert: das „über-den-Tellerrand-schauen“.

Ein Beispiel: als Jazz-Bassisten hatten wir die Gelegenheit, zwei Semester im Hochschulorchester zu spielen. In Köln beispielsweise wäre das undenkbar, und auch in Mannheim findet eine solche Interaktion nicht statt. Und in Stuttgart haben die Verbreiterungsfach-Schulmusiker gemeinsam mit uns Jazzern den Arrangment – Kurs absolviert. Die Klassiker haben dabei einen Einblick in „unsere“ Welt bekommen, und wir haben unseren Horizont erweitert. Alle waren danach bessere Musiker. Wenn Jazz und Klassik in zwei verschiedenen Städten studiert werden – wie soll man diese Erfahrungen machen? Mal ganz abgesehen, dass eine solche Trennung nicht mehr zeitgemäss ist, wir brauchen keine Schmalspur-Musiker, die nicht über den Tellerrand blicken (können), weil ihnen die Ausbildung dafür fehlt.

Meine Diplomarbeit, die sich mit neuen Perspektiven der Zusammenarbeit von Bassist und Drummer beschäftigt, führte dazu dass ich nach meinem Studium einige Jahre für das Fachmagazin „Bassprofessor“ eine Kolumne über Rhythmusgruppenarbeit geschrieben habe. Eine weitere Gelegenheit, die eigenen Grenzen zu erweitern. Und hätte ich an einer anderen Hochschule wirklich den Hauptteil meiner Arbeit – eine vergleichende Analyse drei kanadischer Bands (Jeff Healey, Alanis Morissette, Rush) – „durchgekriegt“? Vermutlich nein. Ist die Diplomarbeit gut? Ja. Sehr sogar.

Keiner meiner Kollegen, die an anderen Hochschulen studiert haben, hat eine Diplomarbeit, aus der darüber hinaus etwas anderes wie z.B. diese journalistische Tätigkeit entstanden wäre. Dabei geht es nicht nur um den Inhalt der Arbeit, sondern auch wieder um die Erweiterung des eigenen Horizonts. Und wieder: das gibt es nur in Stuttgart.

Deshalb: Kriegt den Arsch hoch, Leute und lasst euch das nicht gefallen!

Hinweis an die Politik: Bald ist Wahl!
Mit solcher Politik gibt es meine Stimme nicht!
Und auch wenn ich nicht mehr in Baden-Württemberg wohne – das Internet verbreitet die Infos prima überall hin.
Bis Kanada.

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